Power-Übungsamp

Simpler Röhren-Übungsamp mit genügend Power für die Bühne

Meine erste elektrische Gitarre bekam ich, als ich zwölf oder dreizehn war. Was noch fehlte, war ein Gitarrenverstärker. Zunächst habe ich dafür das Radio aus unserem Wohnzimmer benutzt, welches in meinem Zimmer Platz fand, nachdem es durch ein modernes Transistorgerät ersetzt worden war. Richtige Gitarrenverstärker waren vom Taschengeld eines Schülers kaum zu bezahlen. So habe ich mich mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, so etwas selbst zu bauen. Ebenso wie bei uns, wurden damals in vielen Haushalten die Röhrengeräte durch moderne Geräte mit Transistoren ersetzt. So war es nicht weiter schwierig, ohne nennenswerten finanziellen Aufwand an alle für den Bau eines Röhrenverstärkers benötigten Teile zu kommen. Meine Eltern bemerkten wahrscheinlich nicht, dass ich begann, mit lebensgefährlich hohen Spannungen zu hantieren. 

Die erste Versuchsschaltung für einen Gitarrenverstärker, die ich tatsächlich zum Funktionieren brachte, arbeitete in den Vorstufen mit einer ECC83 aus einem defekten Tonbandgerät. In der Endstufe setzte ich eine EL84 ein, wie sie auch im alten Radio vorhanden war. Die zwei Triodensysteme im Vorverstärker boten aber mehr Verstärkung. Mit einem richtigen Klangregelnetzwerk ergab das einen deutlich besseren Sound. Ich wollte aber mehr Lautstärke. So freute ich mich, als eine EL34 mitsamt Fassung zu mir fand - von den Daten her etwa doppelt so kräftig, wie eine EL84. Entsprechend der Versuchsanordnung, aber für die EL34 mit kleinerem Katodenwiderstand, baute ich das Ganze in eine alte Schrankschublade ein. Mit einem etwas hochwertigerem, größeren Ausgangstrafo, der zwar eigentlich auch nur für eine Endstufe mit einer EL84 gedacht war, entstand so ein Kofferverstärker mit gut 10 Watt Ausgangsleistung. Dazu schloss ich zwei parallel geschaltete 5 Ohm-Lautsprecher aus einer Musiktruhe an die 5-Ohm-Ausgangswicklung, so dass sich etwa die für die EL34 passende Primärimpedanz ergab. Die damit einhergehende Verschlechterung der Wiedergabe im Tieftonbereich war im Frequenzbereich der E-Gitarre praktisch nicht zu bemerken
. Für Proben mit der Schülerband war der Verstärker jedenfalls laut und kräftig genug.


Zu meiner Überraschung tauchten in den 1980er und 1990er Jahren zunehmend Bauvorschläge für ganz ähnliche Verstärker auf, vor allem gedacht zum Üben für zu Hause. Inzwischen werden Geräte dieser Art ja von diversen Herstellern produziert, geeignet zum Üben, aber auch per Mikrofonabnahme für Studio und PA. Üblich sind dabei mit Endröhren wie 6BQ5, 6V6 oder EL84 wieder Leistungen von etwa 5 Watt. Für sich allein reicht die Leistung solcher Verstärker für den Bühneneinsatz natürlich nicht. Meine Schaltung entwickelte ich zunächst weiter, indem ich eine Dreiband-Klangregelung einführte. Dabei verwendete ich weder die Anordnung und Dimensionierung aus den Fender- noch aus den Marshall-Verstärkern, heute meist als American bzw. British EQ bezeichnet. Mir selbst sagt meine aus etlichen Versuchen hervorgegangene Dreiband-Klangregelung mehr zu. Andere mögen das, weil ungewohnt, vielleicht anders empfinden. 
 
Jene Klangregelung habe ich Anfang der 1980er Jahre dann auch in einem Selbstbau-Gitarrenverstärker mit Röhren-Vorverstärker und Transistor-Endverstärker verwendet. Letzterer war ein fertig aufgebauter 120-Watt-Endstufen-Block des ELA-Herstellers Franz Grigelat, basierend auf den Applikations-Schaltungen von Siemens. Für mehr Gain arbeitete die Vorstufe mit einer Pentode vom Typ EF86. Darauf folgte ein Triodensystem einer ECC83, für das dann eine satte Übersteuerung eingestellt werden konnte. Über das besagte Klangregelnetzwerk schloss der Vorverstärker mit einer Kathodenfolger-Stufe mit dem zweiten Triodensytem der ECC83 zur Anpassung an den Endverstärker ab. Dazwischen lag noch das Master-Gain-Poti. Dieser als Topteil ausgeführte Gitarrenamp klang trotz Transistor-Endstufe fast wie ein Vollröhren-Verstärker. Die Leistung bzw. Lautststärke war absolut bühnentauglich. Zu dieser Zeit kannte man vor allem noch Konstruktionen mit Transistor-Vorverstärker und Röhren-Endstufe, wie sie vor allem in Dynacord-Geräten zu finden waren. So löste mein umgekehrter Aufbau mancherorts auch verständnisloses Kopfschütteln aus. Heute ist das aber eigentlich nichts ungewöhnliches mehr. Es gibt inzwischen viele Transistor-Verstärker mit Röhrenvorstufe.
 
Irgend etwas an meinem Verstärker war jedoch noch anders, als bei einem Vollröhren-Verstärker. Es lässt sich klanglich schlecht erfassen. Es war einfach ein etwas anderes Gefühl, wenn man die Saiten anschlägt, eine weniger direkte Ansprache oder so. Ich denke, dass es an der starken Gegenkopplung des Transistor-Endverstärkers lag. So kam ich auf die Idee, die Leistungsverstärkung nur noch in einer einzigen Gegentakt-Ausgangsstufe mit Transistoren zu machen. Ich übernahm die Eingangsstufe mit der EF86, gefolgt vom Triodensystem einer ECL86 für die zweite Vorstufe und der Endstufe mit dem Pentodensystem. So lässt sich eine Ausgangsleistung von ca. 4 Watt erzeugen. Man ist hier also wieder im Bereich eines Übungsverstärkers. Jene Leistung genügt aber, um mit einer einzigen Transistorstufe auf Leistungen in der Größenordnung von 100 Watt zu kommen.  
Ich habe an dem Prinzip inzwischen noch weiter gearbeitet und bin jetzt zu noch besseren Lösungen gekommen. Doch dazu später mal!

 


 

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